Esther Kempf

Esther Kempf geht durch die Welt wie durch eine Theaterkulisse und betrachtet den Lauf der Dinge wie eine unendliche Sammlung von Tricks an denen man arbeiten kann. Oder auch anders machen kann, was sie auch macht und damit das Herz jeden Ingenieurs höher schlagen lässt. Kempf hat ein Gespür für die Dysfunktionen unserer Umwelt und baut sie mit Witz und Poesie um und schafft damit neue Bedeutungsebenen.
Kempf hat ihr Studium in der Bildenden Kunst und Szenographie an der Gerrit Rietveld Akademieabsolviert. Danach wurde sie wissenschaftliche Mitarbeiterin für den praktischen Kunstunterricht mit Karin Sander an der ETH Zürich und zeigt seitdem auf der ganzen Welt ihre Installationen und Interventionen: Bangkok, Varna, Sevastopol, Warschau, Milano, Sao Paulo und auch in der Schweiz, zuletzt in der Stiftung Binz39. Ihre letzten Einzelaustellungen waren in der One Night Stand Gallery in Sofia, und Room for one Space, im Kunstraum Oeil de Poisson in Québec Ville.

SAA: Kannst du uns etwas zur Arbeit erzählen, die bei den Swiss Art Awards gezeigt wird?

EK: Meine Arbeit setzt sich mit heimlichen Bewegungen, der Täuschung und dem Verschwinden auseinander. Ausgangspunkt dafür ist der Ausstellungsraum der Swiss Art Awards: Die Halle 3 des Messezentrums. Zu Recherchezwecken habe ich mich während des Aufbaus der Uhren und Schmuckmesse Basel World als Messebauerin verkleidet in die Halle begeben – als einzige Helmträgerin bin ich sofort aufgefallen – und habe diese Themen in zwei Formen angetroffen.
Einerseits sind da die Rolltreppe und die Lüftungsanlage, die sich stetige aber unbeachtet bewegen. Diese im Raum anwesenden Elemente der Halleninfrastruktur will ich nutzen und deren Bewegung bzw. Kraft in meine Arbeit integrieren.
Andererseits habe ich erfahren, dass die Basel World ein Eldorado für das internationale organisierte Verbrechen ist und im Sektor „Pearls and Stones“ der Messehalle 3 jedes Jahr Diebstähle oder Diebstahlversuche stattfinden. Die Entwendung von Schmuck und Diamanten erfolgt unter Anwendung erstaunlich einfacher Tricks, wie zum Beispiel dem Verstellen des Blickwinkels der Überwachungskamera oder dem Austausch eines Diamanten mit einem Zirkoniastein während eines Gespräches mit dem Standverkäufer.

SAA: Welche Welten sind in deiner Arbeit eingebunden oder werden damit angesprochen?

EK: Meine Arbeiten nähren sich von alltäglichen Ereignissen. In diesen suche ich nach überraschenden Zusammenhängen. Mich interessiert das Überlappen von verschiedenen Realitätsebenen. Ich bin in der Welt der einfachen physikalischen Vorgänge und ihrem Zauber zuhause. Ich mag es, zu verführen und gleichzeitig die Auflösung der Verführung preiszugeben.

SAA: Wenn du mit einem Spezialisten arbeiten könntest: aus welchem Bereich würde das sein und für was für ein Projekt?

EK: Zurzeit arbeite ich mit einem Spezialisten für Raumbelüftung zusammen. Es ist erstaunlich, wie ausgeklügelt ein Lüftungssystem für grosse Gebäude und Hallen konzipiert werden muss. Gleichzeitig kooperiere ich mit einer Trickdiebin und erlerne gerade deren faszinierendes Handwerk.

SAA: Gibt es einen Ort (in der Schweiz oder im Ausland) der deine Arbeit inspiriert?

EK: Mich inspirieren einfache Begebenheiten. Seien dies nicht mehr funktionsfähige Möbel, der Fakt, dass der 3. Ton der C-Moll Tonleiter „Es“ auch ein deutsches Pronomen ist, oder dass in der Nacht die Dimension eines Autos nur über dessen Lichter ersichtlich ist. Solche Begebenheiten finde ich überall auf der Welt. Da ich oft auch ortsspezifisch arbeite, inspirieren mich zudem die physikalischen Eigenheiten der Ausstellungsräume, sowie die Geschichten und Ereignisse, die darin stattfinden.

SAA: Aus der Zukunft betrachtet, was wird die Kunstgeschichte über dich schreiben?

EK: Dass es darum geht: Wissen wo der Hammer hängt.