Susanne Hefti

Lünstler (Poser IV)

Eine Reise nach Rom, voller Vorfreude und Neugierde, zu einer Summer School mit wissenschaftlichem Anspruch. Doch Erwartungen und Realität liegen weit auseinander: Statt Hirnforschung gibt es Meditation, anstelle von wissenschaftlicher Betrachtung Hypnose. Schwitzend und bei 36 Grad Celsius versucht die Autorin, Susanne Hefti, ihrer zunehmend dumpfen Mattheit zu entkommen.

Anknüpfend an die dreiteilige Arbeit Poser – Eine Trilogie (2016) entsteht für die Swiss Art Awards eine Fortsetzung – die Audio-Installation Lünstler (Poser IV). Die rund 20-minütige Audioerzählung, die als Hauptteil der Installation fungiert, ist eine lose Zusammenstellung verschiedener Erzählungen, die unterschiedliche Schauplätze behandeln: Essen, Schwarzwald, eine Autofahrt und die oben angedeuteten Erlebnisse in Rom. Durch die gesamte Erzählung ist ein roter Faden spürbar – eine Orientierung an Extremen.

Der Installationsraum selbst dient einerseits als Bühne für die Erzählung und nimmt gleichzeitig inhaltlich auf sie Bezug. Auf offensichtliche Referenzelemente verzichtet Susanne Hefti dabei. Es werden Bezüge geschaffen, die um zwei Ecken Gedachtes fordern. Die Erzählung strebt keine träg zu konsumierende Wahrheitsvermittlung mit journalistischem Anspruch an, im Gegenteil, diese wird durchbrochen, Unwissen soll vermittelt werden. Die Autorenposition wird immer wieder aufgebrochen und springt in der Folge zwischen verschiedenen Perspektiven, Handlungen und zeitlichen Fixpunkten hin und her – mal findet man sich in der Vergangenheit wieder, gleich darauf im Jetzt, dann wiederum in der Zukunft.

Laut Hefti verleitet ihre offene Konstruktion Lünstler zum ‘Herumlungern’. Zum Beispiel auf einer Treppe sitzend, die eine unbequeme Anziehung ausstrahlt. Man rutscht hin und her, weiss nicht, wie man es sich gemütlich machen soll, aber bleibt dennoch sitzen: Denn man will zuhören. Durch die Kopfhörer erzählt Hefti selbst: “Die Erzählung vermittelt den Eindruck eines kontinuierlichen Flusses, aber eigentlich handelt es sich um aneinandergereihte Bruchstücke.” Kein Geräusch, keine Musik stört das Hörvergnügen. Durch die verschiedenen Anknüpfungspunkte in Lünstler ist es dem Zuhörer möglich, auf unterschiedlichen Ebenen einzusteigen.

Das persönlich anmutend Erzählte lässt die Distanz zwischen Zuhörer und Erzähler schwinden, Intimität entsteht. Hefti vermittelt den Eindruck eines Blickes durchs Schlüsselloch. Doch was autobiografische Bezüge evoziert, ist nicht zwingend Realität. Bei all ihren Arbeiten kann man sich nie sicher sein, was real ist und was nicht. Hefti geht mit der Realität um, wie es ihr beliebt und schafft so einen nahtlosen Übergang zwischen Wirklichkeit und Simulation oder Illusion. Sie lässt eine Koexistenz dieser beiden Sphären zu, man tritt von einem in das andere ohne es zu bemerken. Jeder Mensch hat seine eigene Realität. Und Susanne Hefti gewährt einen Einblick in eine mögliche. Ihre persönliche Realität? Eine konstruierte Realität?

Oder bloss eine Illusion davon?

 

Text: Lisa Kleiner

Veröffentlicht im Rahmen der Lehrveranstaltung Tour de Suisse. Kunst und ihre Institutionen in der Schweiz, eine Zusammenarbeit zwischen dem Kunsthistorischen Institut der Universität Zürich, dem Studienbereich Kunstgeschichte der Universität Fribourg und dem Bundesamt für Kultur, mit Unterstützung der Boner Stiftung für Kunst und Kultur.