U5

 

“This venture is only possible when there is trust in mankind” zitiert eine elektronische Stimme Hannah Arendt, bevor die drei Teilnehmer im künstlichen Nebel der Installation Bleach I von den drei anonymisierten Künstler/innen umarmt werden.

Das Kollektiv schafft Installationen, in denen sie oft selber performen. Mit Objekten aus der Kosmetik, dem Lifestyle und der Pharmazie verbinden sie die Intimität vom Körper mit der Konstruktion der Gesellschaft. Mit Online-Plattformen und Livestreams erweitern U5 die immersiven Installationen. Damit führen sie den Zuschauer zu seinen tiefsten Empfindungen, und reflektieren gleichzeitig den inneren Wunsch, sich mit dem Anderen zu verbinden und Teil einer Gesellschaft zu sein.

U5 wurde 2007 von Martin Kunz, Stefanie Rubner und Berit Seidel gegründet. Sie haben 2011 an der ZhdK ihren Master of Fine Arts abgeschlossen. In Zürich ansässig, führen sie auch Projekte und Mentoring an der F+F School of Art aus.

 

SAA: Könnt ihr uns etwas zur Arbeit erzählen, die bei den Swiss Art Awards gezeigt wird?

U5: Wir zeigen den Experimentalfilm The Human Crater. Von 2015-2017 waren wir Teil des Forschungsprojekts „17 Volcanoes“, das sich unter der Leitung von Philip Ursprung und Alexander Lehnerer am Singapore ETH Center entwickelte. Von Singapur starteten wir mehrere Expeditionen nach Java (Indonesien). Das multidisziplinäre Team bestieg 17 der 45 Vulkane der Insel. Während dieser drei Jahre haben wir obsessiv gefilmt, Protagonisten interviewt und Objekte gesammelt. Den Plot des Films haben wir dann aus den Erfahrungen und Erinnerungen generiert. Die Musikerin Vivian Wang (SG) führt mit ihrer Stimme durch den Film. Der Sound wurde von The Observatory (SG) und Li Tavor & Nicolas Buzzi (CH) in Zusammenarbeit produziert.

„Jeder Mensch ist ein Abgrund, es schwindelt einem, wenn man hinabsieht.“
Wenn Menschen wie Schluchten und Krater sind, sind dann Berge und Vulkane wie Personen? In atemberaubenden Bildern führt der Film „The Human Crater’ zu den Persönlichkeiten der Vulkane auf der indonesischen Insel Java. Zum temperamentvollen Merapi, zum sanften Galunggung, zum weisen, alten Ungaran, zum Superstar Bromo oder dem leicht neurotischen Sindoro. The Human Crater verbindet Reisebericht, Dokumentation, Recherche, Reflektion und Fiktion. Es geht um die Beziehung von Mensch und Natur, Politik und Schönheit. Eine weitere Verbindung wird etabliert durch das Pendeln zwischen Singapur und Java. Durch den Kontrast zwischen dem Leben in der klimatisierten Grossstadt und den Expeditionen in den Dschungel und Schlamm wird The Human Crater auch zu einem bildstarken Essay über Kontrolle und Kontrollverlust. Grundlegende Elemente des Reisens ebenso wie unseres Verhältnisses zu Vulkanen. (Dora Imhof)

SAA: Wenn ihr mit einem Spezialisten arbeiten könntet: aus welchem Bereich würde das sein und für was für ein Projekt?

U5: Für den FilmThe Human Crater waren wir in einem gemischten Expertenteam unterwegs an uns unbekannte Orte. Zum Team gehörten die Geisteswissenschaftler Philip Ursprung und Elisabeth Bronfen, die Fotografen Armin Linke und Bas Princen und der Vulkanologen Clive Oppenheimer. Es war interessant und produktiv, deren unterschiedliche Perspektiven und Ansätze zu beobachten. Diese Methode der Forschung und Weltaneignung ist noch nicht ausgeschöpft. Potentiell kann jeder Spezialist für uns interessant sein. Wenn wir wählen können, dann wären momentan Gehirnchirurgen und Informatiker ganz oben auf der Liste.

SAA: Gibt es einen Ort (in der Schweiz oder im Ausland) der eure Arbeit inspiriert?

U5: Die letzten drei Jahre sind wir zwischen Singapur, Indonesien und der Schweiz hin- und hergependelt. Während dieser Zeit erweiterten wir unser Archiv um unzählige digitale und analoge Fundstücke. Wir nehmen den Ort sozusagen mit. Er kann dann aus seinen gespeicherten Einzelteilen wieder neu zusammengesetzt, abstrahiert und in eine neue Form transportiert werden. Deshalb kann grundsätzlich alles, was den Weg in unser Archiv gefunden hat, auch in unseren Arbeiten wieder auftauchen.

SAA: Welche Welten sind in eurer Arbeit eingebunden oder werden damit angesprochen?

U5: Der Film ist eine „zweite Realität“, sagt Andrei Tarkovski. Mit The Human Crater wollten wir den Zuschauer ansprechen, ihn involvieren. Wie reagiert der Einzelne auf die unterschiedlichen Aspekte des Films? Was bleibt ihm in Erinnerung? Was mag er, was regt ihn auf? Man erahnt, wie divers der Umgang mit gewissen Themen ist, wie wichtig die Einstellung des Zuschauers. Der Sound des Films ist essentiell. Jeder Vulkan hat eine eigene Stimme, Klang und Rhythmus. Die fiktive Erzählerin, die durch den Film führt, vermag es den Zuschauer in eine zweite Realität zu ziehen. Zusätzlich werden Erd-, Schweiss- und Pilzdüfte versprüht. Gerüche hinterlassen eine direkte Spur im Gehirn, aber sind uns selten bewusst.

SAA: Aus der Zukunft betrachtet, was wird die Kunstgeschichte über euch schreiben?

U5: Für uns gibt es keine Vorschau, nur Rückschau.

SAA: Was für Spuren wollt ihr hinterlassen?

U5: Kollektivität ist keine Utopie.